von Hans Flesch

Volksweisheiten. Immer diese Sprüche, die jeder schon tausend mal gehört hat und dann doch für hochklug und zutreffend hält, wenn er nur die geringste Chance hat, sie anzubringen. Ich spreche nicht von Sprichworten wie „jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ oder „die Zeit heilt alle Wunden“.Auch wenn diese Sprichworte ebenso wenig tiefgründig sind, wie ihr Zutreffen universell.

Der Tatsache, dass die Zeit nicht alle Wunden heilt, verdanken wir immerhin die einigermaßen verbreitete Tabuisierung von Rassismus und Faschismus, während Sprüche vom Glückesschmied die Gesellschaft nur zu dem egoistischen, verblendeten Pack von Einzelgängern gemacht hat, das sie heute ist.

Nein ich spreche von sogenannten Weisheiten. Viele halten es im Hochsommer zum Beispiel für besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Beduinen und andere Wüstenvölker ja heißen Tee trinken. Das sei nämlich besser für den Kreislauf und auch viel erfrischender.

Sollen sie doch ihren scheiß Tee trinken.

Ebensogut könnte man einem Kiffer sagen, dass Topsportler sich ja keine Drogen nehmen, weil es ja besser für die Fitness sei und dass man am besten lernt, wenn man immer zur Vorlesung geht und jeden Tag ein kleines bisschen der Pflichtliteratur liest. Eiteitei.

Es geht nicht immer darum, das angeblich beste zu tun. Es geht meistens darum, das zu tun, was einem auf Grund seines persönlichen Gustos grad am besten erscheint – oft genug ist man dazu eh nicht in der Lage. Es geht auch nicht darum, Tee zu diskreditieren. Auch ich habe die spirituelle Erfahrung des Teekochens und -trinkens gemacht.

Den einfachen, unmittelbaren, unverfremdeten Vorgang des Aufbrührens getrockneter Blätter mit dem anschließenden Verzehr der Brühe. Der Genuss von Tee löst ähnlich wie der von Wein ein wohliges Gefühl  aus. Die Menschen trinken seit Jahrtausenden Wein und Tee, das kann nicht schlecht sein, das darf ich – das MUSS ich vielleicht sogar.

Teetrinken ist soziohistorisch legitim. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich bei 30 Grad im Fußballstadion stehend erstmal die Thermokanne grünen Tee (oder Chai) auspacken muss, nur weil irgendwelche Beduinen das für sinnvoll halten.

Diese Beduinen hielten es ja auch für sinnvoll, Jahrhunderte lang durch die Sahara zu reiten – ist das auch erfrischend und gut für den Kreislauf? Einen anderen Grund weiß ich nicht, eines aber schon: Sollte ich irgendwann auf einem Kamel die Wüste durchkreuzen, zöge ich im Zweifel das kühle Bier dem heißen Tee ohne zu zögern vor. Vielleicht erzählt man sich unter Beduinen dann ja eines Tages, dass die Europäer bei großer Hitze ja eiskaltes Bier trinken – weil‘s geiler ist.