von Sandro Schlonz

Louis van Gaal wäre nicht Louis van Gaal, wenn er nicht vehement jeglichen Zweifel an Posten und Person seiner bestreiten täte. Tatsächlich sitzt der kantige Holländer allerdings so fest im Sattel wie ein Dünnschiss auf Opis Radtour. Sollte Slomka und dem kleinen HSV heute gegen die Bayern der nächste große Wurf gelingen ist die Gladiole van Gaals beim Meister wohl verblüht. Sollte sich der Weggang Vehs zum Saisonende bewahrheiten, wäre das Feier-Biest der optimale Nachfolger.

Die Bierfreunde können eigentlich nicht so recht nachvollziehen, dass die Trennung von Trainer Veh in der Hamburger Journalie schon als beschlossene Sache verkauft wird. Wir halten Armin Veh für einen kompetenten, angenehmen Übungsleiter. Es wäre schade, wenn dieser Coach, der so gut zu Hamburg und dem HSV passt wie ein kühles Holsten, den Verein im Sommer verlässt.

Doch in diesem Verein weiß man ja ohnehin nicht, wo oben und wo unten ist. Und der mäßige Erfolg und das schwache Spiel der Mannschaft sind nicht unbedingt zwingende Argumente für einen Verbleib des Stuttgarter Meistertrainers. Und was ist schon ein Sommer ohne Trainerrauswurf?

Angst vor Versagern

Das schlimmste an den Trainerwechseln ist meist weniger der Abschied vom alten Trainer, als das mulmige Bauchgefühl das einen beschleicht wenn man darüber nachdenkt mit wem der HSV wohl grad verhandelt. Grausige Namen werden beim HSV laut, wenn der alte Coach mal wieder vor dem Abschuss steht.

"Ich bin der Beste" hat van Gaal einmal gesagt. So einen brauchen wir.

“Ich bin der Beste” hat van Gaal einmal gesagt. Das passt zum HSV und den BfA, auch sie sind die Besten.

Die Medien haben über die Jahre ein Repertoire an Horror-Kandidaten angelegt, mit deren Erwähnung den Fans kalter Angstschweiß auf die blasse Stirn steigt. Da wären zunächst die Anwärter, die als geeignet gelten, weil sie bei kleineren Vereinen gescheitert sind. Friedhelm Funkel, Marcel Koller, Lucien Favre und Erik Gerets sind Klassiker dieser Kaste. Hört man diese Namen, denkt man an (gescheiterte) Abstiegskämpfe und Provinzclubs und hofft innig, dass die Genannten von den Dieter Hoeneßes der Liga besetzt werden bevor der HSV dazu kommt.

Kein Hoffenheimer Erfüllungsgehilfe!

Dazu kommen dann die kürzlich freigewordenen Trainer des Bundesligazirkus. Allen voran momentan Ralf Rangnick. Der ging in die Geschichte der Bundesliga ein als Wegbereiter der totalen Kommerzialisierung, als Feldmarschall des Großkapitals. Immerhin war er es, der seine Expertise prostituierte, Dietmar Hopp und seinem Provinzverein die Bundesligalizenz zu erkaufen. Ferner ist auch Herr McLaren auf dem Markt, nach seinem Wolfsburg Abenteuer dürfte aber weder er noch irgendein Bundesliga-Club momentan eine Zusammenarbeit anstreben.

Eine dritte Gruppe sind die Dauerbrenner. Zuliebst Herrschaften, die sich um den deutschen Fußball verdient gemacht haben und sich nach ihrer erfolgreichen aktiven Karriere am Trainergeschäft versuchen. Klassensprecher dieser Gruppe ist sicherlich Lothar Matthäus. Es ist eine tiefe Schande, wie sich über den Franken von jedem dahergelaufenen Klatschreporter das Maul zerrissen wird. Immerhin gilt Loddar nicht wenigen Erdmenschen als der beste deutsche Fußballer aller Zeiten, er ist Kapitän unserer letzten Weltmeistermannschaft.

Hätte Mehmet es versucht?

Gleichwohl wir uns also stets respektvoll vor Loddar verneigen, ist der HSV wohl nicht die Adresse, bei der man seine erste ernsthafte Vereinstrainerstelle antreten sollte. Aus ähnlichem Holz sind Jürgen Klinsmann, der es sogar schaffte, die Bayern zu richtig schlechten Fußballern zu machen, und Mehmet Scholl, der mit der Nachfolge Günter Netzers in der ARD allerdings den optimalen Job gefunden zu haben scheint.

Zu guter Letzt schließlich die Kandidaten mit sogenanntem Stallgeruch. Zu nennen wäre da Dick Jol, der grimmige Holländer, der sich einst mit Diddi Beiersdorfer und Berni Hoffmann in Haare kriegte und Huub Stevens, der zwar nicht besonders schönen, aber ziemlich erfolgreichen Fußball spielen ließ. Beide wären theoretisch wohl zu haben, doch wer die Strukturen des HSV kennen und hassen gelernt hat, wird sich wohl kaum eine zweite Amtszeit zumuten. Horst Hrubesch wäre einer, dem man den Posten wünschen und nach seiner Zeit beim DFB auch zutrauen würde.

Doch was sind all diese Namen gegen King Louis van Gaal? Gegen Aloysius Paulus Maria „Louis“ van Gaal, den Königin Beatrix zum Ritter von Oranien-Nassau schlug? Der mit Ajax, Barcelona und Bayern der internationalen Fußballwelt soviel Applaus abrang? Nichts sind sie gegen ihn, und zwar aus folgenden Gründen.

Die Philosophie
Van Gaal zeigte den Deutschen, dass Holland nicht nur aus New Kidz und Rudi Karells besteht – auch in Holland, wissen wir seit van Gaal, gibt es harte Hunde, die schreien, schlagen und sich von ihren Töchtern siezen lassen. Van Gaal ist einer, der auch mal das ganze deutsche Volk beleidigt, wenn er es für nötig hält, der mal richtig auf die Stront haut. Was wir mit diesem Kader am wenigsten brauchen ist ein best-friend-Trainer nach dem Vorbild Klopps – und van Gaal ist ziemlich genau das Gegenteil davon. Dem HSV fehlt es nicht an spielerischem Vermögen. Es fehlt jemand, der den Herren Hochverdienern in ihren goldenen Agger tritt und sie erinnert, dass auch sie austauschbar sind, wenn sie nicht erfolgreich „arbeiten“.

Der Riecher
Das bringt uns direkt zum zweiten Punkt: Völlig unbeeindruckt vom sagenumwobenen Reichtum der Bayern und dem hochdekorierten Kader zauberte der Holländer Jungspieler von Weltniveau aus dem Hut, allen voran WM-Torschützenkönig Thomas Müller. Vor van Gaal sind alle Menschen gleich, ist man geneigt anzunehmen. Sicher ist jedenfalls, dass die Gouda-Locke sich von Namen nicht mehr beeindrucken lässt – brachte er doch vor Ribery und Robben bereits Spieler wie Figo, Rivaldo, Frank de Boer oder Patrick Kluivert zum Schwitzen.

Das Format
Mit Arnesen bekommt der HSV zum ersten Mal seit Günter Netzer einen Manager, der den internationalen Ansprüchen des Vereins gewachsen ist. Müssen wir diesen Vorteil zwangshaft neutralisieren indem wie einen Extrainer vom VfL Bochum oder Eintracht Frankfurt verpflichten? Es wäre doch schon eine merkwürdige Mischung, wenn dieser verdiente Fachmann internationaler Prägung mit einem Trainer á la Friedhelm Funkel über Neuverpflichtungen streiten müsste… Van Gaal holte mit Ajax die Championsleague, mit Barca und Bayern immerhin mehrere nationale Titel. Amsterdam-Barcelona-München-Hamburg. Das liest sich wie geschmiert.

Der Charakter
Van Gaal ist ein fieses Arschloch. Und es gibt nichts besseres, als ein fieses Arschloch auf der Trainerbank. Nicht nur dass er die Profis zusammenstaucht. Es ist auch wichtig für uns Fans. Immerhin ist der Trainer neben seiner Funktion als Übungsleiter auch der vereinsinterne Sündenbock. Geht ein Spiel schief, ist der Schiri schuld. Geht eine Saison daneben ist es der Trainer. Schmerzlich erinnern wir uns, wie herzzerreißend es vor vier Jahren war, als sich Fans und Verein eingestehen mussten, dass Vereinsikone Thomas Doll nicht mehr der Richtige für den Trainerposten war. Auch Fans in Dortmund werden bittere Tränen den Kohlestaub aus der Visage spülen, wenn Seelsorger Klopp in einem Jahr entlassen wird, nachdem der BVB via Relegation mit Werder die Liga getauscht haben wird. Einen van Gaal kann man hingegen einfach abhaken. Man mag ihn, solange er Erfolg hat. Und wenns nicht mehr läuft, kann man ihn hassen und absägen. Und bis dahin kann er auch nur solange Arschloch sein, wie er seine Arschlochsätze ist unterhaltsames Holland-Deutsch verpackt. Das kann zum Totlachen komisch sein, wissen wir aus den letzten Monaten. Zuckerbrot und Peitsche. Optimal.

Wie anfangs aufgeschrieben werden die Bierfreunde sich einer Vertragsverlängerung Armin Vehs nicht in den Weg stellen – obwohl sie es könnten. Sollte Veh den Posten allerdings räumen oder räumen müssen steht für uns die Nachfolge fest. Van Gaal schnuppert heute Nordenluft. Plattes Land, frische Brise und gutes Gras – der Norden hat, was ein Holländer zum Leben braucht. Wenn ein neuer Trainer, dann van Gaal; die Bierfreunde fordern: Veh oder Gladiolen.