Die FIFA hat einen Tag vor WM-Start den Geschäftsbericht für 2009 vorgestellt. Der Weltverband machte demnach im abgelaufenen Jahr einen Gewinn von 196 Mio. $ und konnte das Eigenkapital damit erstmals über die 1-Milliarde-Dollar-Grenze heben; 1,061 Mrd. $ haben Blatter und Co. Nunmehr auf der hohen Kante. Da fragt sich der Fußball-Fan natürlich: Wofür braucht die FIFA mehr als eine Milliarde – vor allem nachdem Südafrika mehr als das vierfache von dem in die WM investiert hat?

Wofür braucht ein Fußballverband eine Milliarde Dollar, Herr Blatter?
Natürlich posaunte Präsident Blatter direkt im Anschluss an die Verkündung des Rekordvermögens die üblichen Pläne für Hilfsprojekte heraus und versprach den 208 nationalen Mitgliedsverbänden der FIFA (die damit übrigens größer ist als die UNO) je 250.000 $ Bonuszahlungen. Dividende sozusagen.
So weit so gut. Es wäre auch übertrieben zu sagen, die FIFA würde sich nicht für die Entwicklung des Fußballs einsetzen. Trotzdem muss man sich fragen, ob der übertriebene, bis in die Haarspitzen durchgeplante und bedingungslos diktierte Kommerz angesichts solcher Gewinne zu rechtfertigen ist. Gerade, wenn man sich das Gastgeberland der morgen beginnenden WM anschaut.
Unser Südafrika-Korrespondent Marius Geisler berichtet, was viele Blätter und Sender schon verbreitet haben: Die FIFA kennt auch auf dem schwarzen Kontinent kein Pardon, wenn es darum geht, das Marktmonopol ihrer Werbekunden sicher zu stellen. „Alle sollen profitieren, auch die kleinen Leute“ hatte Blatter einmal staatstragend formuliert. Pustekuchen. Die FIFA kam nach Afrika und sprach zuerst mal ein „totales Verbot des Straßenhandels“ aus. Millionen von Townshipbewohnern sind also gezwungen, ihre Tröten, Shirts und Schale bei offiziellen FIFA-Sellern zu kaufen. Damit die Werbekunden zufrieden sind und die FIFA weiterhin Gewinn scheffelt.
Wie ernst es dem Weltverband mit diesem Verbot ist, sah Geisler gestern, als auf der Straße kleine Fanartikelhändler von der Polizei in Kapstadt durch die Straßen gejagt wurden. Selbst mit diesem Verbot könnte man leben, wenn die richtigen, in diesem Falle die Nation Südafrikas, davon profitieren würden. Aber wieder weit gefehlt.
In Deutschland, wo ohnehin jeder drittklassige Verein mit zahlungskräftigen Sponsoren ausgestattet ist, fiel dieser Erzkommerz vor vier Jahren nicht so sehr auf. Wir waren und sind es gewohnt, Fanartikel in Fanshops zu völlig überhöhten Preisen zu kaufen. Südafrika ist aber nicht Deutschland.
Die junge Kapdemokratie versucht seit 16 Jahren die afrikanische Kultur der schwarzen Mehrheit in das System zu integrieren, das europäische Rassisten dort über Jahre etablierten. Und zu dieser Kultur gehört auch, dass nicht alles, was es zu kaufen gibt, von großen Supermarktketten und Kaufhäusern vertrieben wird, sondern zum Beispiel auch vom Tapeziertisch an der Straßenecke. So wächst die Wirtschaft vielleicht nicht mit über zehn Prozent pro Jahr, aber sie bricht halt auch nicht gleich ein, wenn irgendwelche Banken in den USA pleite gehen.
Während die FIFA laut Geschäftsbericht bei der WM mit einem Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe rechnet, stellt der Südafrikaner ernüchtert fest, dass die immensen Kosten für die Vorbereitung des Turniers am am ohnehin gebeutelten Staatshaushalt hängen bleiben. 33 Mrd. Rand (etwa 4,2 Mrd. $) hat das Land investiert, um den hohen Ansprüchen der Föderation an Infrastruktur, Sicherheit und Luxus in den Stadien zu genügen.
Sicherlich sind Straßenbau, der Ausbau und die Modernisierung der Polizei und neue Fußballstadien eine Investition für die Zukunft (wenn auch fraglich bleibt, wie viel der Ottonormal Südafrikaner in seinem Leben von einer Businesslounge in einem Edelstadion zu sehen bekommt). Aber wie rechtfertigt die FIFA es, in ein Land zu kommen, diesem dann Milliarden aus der Nase zu ziehen um dann mit den günstigen Vorraussetzungen Kohle zu scheffeln? Gar nicht, sie macht es einfach.
Erneut lohnt sich der Vergleich zu Deutschland 2006. Auch die Bundesrepublik hat nicht gezimpert mit Investitionen zur Vorbereitung der WM. Der Unterschied ist, dass die deutsche Wirtschaft ungleich mehr am Turnier beteiligt war, als es die südafrikanische bei diesem Turnier ist.
Selbst bei dieser WM gehört Deutschland zu den größten Profiteuren. Die Busse für Spieler- und Fantransport wurden von MAN gebaut, die Stadien wurden von deutschen Architekten geplant, mit schwäbischem Glas überdacht und von OSRAM beleuchtet. Nicht zu vergessen natürlich AIDAS, der offziele Ausstatter der FIFA. Unterm Strich ist die deutsche Wirtschaft mit einem Auftragsvolumen von 1,5 Mrd. Euro an der WM beteiligt. Der Merchandise wurde in Asien zu Billiglöhnen produziert und jetzt für teures Geld verkauft. Das WM-Maskottchen Zakumi wurde beispielsweise in Europa entworfen und in China produziert – es schuf nicht einen einzigen Arbeitsplatz in Südafrika. Es sind die üblichen Verdächtigen, die Industrienationen und vor allem auch Deutschland, die die Gewinne einstreichen. (Mehr dazu auf ftd.de: Wer von der WM profitiert)
Das Land am Kap ist keine Industrienation. Wie auch, während sie jahrelang einen Großteil der Bevölkerung unterdrückten, wurden sie genau deshalb vom Rest der Welt isoliert und konnten so etwas wie eine Exportwirtschaft überhaupt nicht aufbauen. Die Wirtschaft ist, wie gesagt, noch nicht so hochentwickelt, wie in Europa oder Nordamerika. Sie funktioniert noch kleinkarierter, eben mit Kleinbetrieben und Straßenhändlern.
Zur deutschen, zur allgemein westlichen Fußballkultur gehört der Kommerz seit Jahren. Wir wollen Spieler sehen, die meinen 94 Mio. Euro kosten zu müssen, daher müssen sie auch irgendwie finanziert werden. Das ist eine bittere Pille, doch – um nicht zu sehr in antikommerzielle Fußballromantik zu verfallen – es ist hierzulande Realität und jeder europäische Fußballfan, auch bei Pauli, hat sich insgeheim damit abgefunden.
Der afrikanische Fußball ist anders. Er hat keine überbezahlten Stars, da sie schon bevor sie überhaupt auf die Idee kommen, horrende Gehaltsforderungen zu stellen, von europäischen Vereinen weggekauft werden. Vielleicht ganz gut so, denn sonst wäre der Fußball nicht das, was er in Afrika ist: Der Sport der Armen, die zum stundenlangen Fußballspiel nicht mehr brauchen als einen Ball und vier Hölzer als Pfosten. Fußballspiele werden nicht in erster Linie vermarktet, sondern gefeiert. Es wird nicht jede Ecke von Sponsoren präsentiert und nicht jede Bockwurstpappe trägt Werbung. Stattdessen isst und trinkt man, was der Händler vorm Stadion anbietet, ohne dabei ganze Wochengehälter investieren zu müssen, geht dann zu einigermaßen bezahlbaren Preisen ins Stadion und freut sich über das Spiel.
Das, liebe Freunde von der FIFA, ist Fußball in Afrika: Spontanität, Freude und kulturelle Authenzität. Die kommerzielle Ausbeutung eines solch großen Turniers mag in Deutschland, England oder den USA eine unliebsame Begleiterscheinung sein. In Afrika bedeutet sie den Ausschluss der Gastgeber von ihrem eigenen großen, ihrem größten Event seit Jahren. Das hat mit den rosa-roten Entwicklungshilfe-Gelaber nichts mehr zutun. Die FIFA leiherte dem Südafrikanischen Volk die letzten Rand aus der Hose, um für vier Wochen ordentlich zu verdienen. Es bleibt zu befürchten, dass am Ende ein noch reicherer Weltverband, ein ausgelaugter Staat und eine ausgeschlossene Wirtschaft steht. Abernten, einpacken, abdüsen, das scheint die Politik der FIFA, Politik der verbrannten Erde – J’accuse, Monsieur Blatter!
Es ist wie´s immer ist. Mehr den Reichen, weniger den Armen.
Toller Artikel!
Grüsse
Hugo