Vier Spieltage sind bei der WM vergangen. Fast alle Favoriten haben schon gespielt, doch nur eine Mannschaft konnte überzeugen: WIR! Mit einem gradiosen 4:0 ist die DFB-Auswahl ins Turnier gestartet, alle anderen enttäuschten. Ein Rückblick.

Nach einer stimmungsvollen Eröffnungsfeier daddelten Südafrika und Mexiko am Freitag die ersten Punkte des Turniers aus. Nach aufgeregter erster Halbzeit gelang es Bafana Bafana in Führung zu gehen. Trotz des späten Ausgleichs der Mexikaner feierten die Gastgeber ihren Auftak wie einen Sieg (Spielbericht Marius Geisler, Kapstadt).
Am Abend dann das erste Match einer „großen Mannschaft“ die Equipe Tricolore musste gegen Uruguay ran. Ein Scheißspiel – und es sollte nicht das letzte sein. Ribery, Henry und Co. kamen über ein 0:0 nicht hinaus.
Samstag griff mit Argentinien ein heißgehandelter WM-Favorit ins Geschehen ein. Das Team von Maradona schien seinem Ruf gerecht zu werden, als es früh in Führung ging. Doch mehr kam – außer von Messi – dann gegen Nigeria auch nicht, am Ende stand ein dürftiges 1:0.
Am selben Abend standen sich die USA und der selbsternannte Titelanwärter England gegenüber. Auch die Briten gingen mit 1:0 in Führung, spielten in der Folge allerdings schwach und kassierten verdient noch den Ausgleich. Deutschland und England haben seit Jahren eins gemein: Man kann sich auf den Keeper verlassen. Alle Jahre wieder muss der DFB zwischen mindestens zwei weltklasse Torhütern auswählen, wer die Nummer eins wird und nie hat England einen Keeper, der auch nur ansatzweise gut spielt. Ein lustiges Tor, da geht einem das Herz auf.
Am Montag dann Weltmeister Italien, von vielen totgeschrieben, doch meistens genau dann am besten. Naja. 1:1 gegen Paraguay. Auch wenn Lipi und das italienische Volk das Spiel – warum auch immer – wie einen Sieg feierten; diese Leistung war erbärmlich. Bleibt zu hoffen, dass wir die Squadra in der KO-Runde vor die Brust bekommen, dann gibt’s Rache für 2006…
Auch die von den Bierfreunden an Nummer zwei gesetzten Holländer liefen gestern im ersten rein europäischen Spiel erstmals auf den WM-Rasen. Wirklich schwach spielten sie nicht, allerdings weit unter ihren Möglichkeiten. Der Däne stand tief und fest und geriet unglücklich in Rückstand. Erst der Hamburger Elia ebnete mit sensationeller Vorarbeit für Kuyt den Weg zum Auftaktsieg. Seit fast 80 Jahren hat Holland kein WM-Auftakt mehr verloren, aber wir wissen ja alle, dass sie am Ende auch fast nie was gewinnen.
Abzuwarten bleiben noch die Auftritte von Brasilien, Spanien und Portugal, doch geht man nach den bisherigen Auftritten, hat das Turnier nur einen klaren Favoriten: Deutschland.
Am Sonntag hatte das lange Warten ein Ende und was die Jungens gegen Australien zeigten war magisch. Mit 253.000 Fans verfolgten die meisten Bierfreunde den Auftakt – wie vor vier Jahren – am Heiligen Geist. Nach fünf Minuten der Eingewöhnung legten sie dann los. Poldi und Klose – Helden der WM 2006 legten den Grundstein für den Sieg und machten im Prinzip schon alles vor der Halbzeit klar.
Doch 2006 hatte es ja nicht gereicht, wir spielten schön und bis zu einem Punkt auch erfolgreich, wie so ein 2:0 halt. Aber dieses Jahr braucht es mehr. Und dieses Jahr haben wir mehr. Zum Beispiel Müller und Cacau, die in der zweiten Halbzeit sensationell auf 4:0 erhöhten. Müller mit einem Drehschuss linker Innenpfosten rein – im Stile seines großen Namens- und Rückennummernvetterns in früheren Jahren.
Der Erfolg dieser Mannschaft liegt in der Kombination aus herangereiften Helden von 2006 und frischen Talenten der letzten Saison. Schweini, vor vier Jahren noch jünger als die Bierfreunde heute, ein verpickelter Schlacks, der mal für ne Flanke gut war oder den Flügel hochflitzen konnte, ist heute ein gestandener Mann mit Übersicht und Führungsqualitäten. Von der sechs aus hat er die Fäden im Griff, verteilt Bälle und Spieler und lässt seine Kameraden gllänzen.
Philip Lahm, 2006 kleiner Milchbubi mit flauschigen Bartstoppeln, heute kleiner Milchbubi mit flauschigen Bartstoppel und Kapitänsbinde. Der Münchener ließ hinten – wie immer – nichts anbrennen, hatte sein Team im Griff und spielte dann und wann gefällig nach vorne. Dass Lahm mal Kapitän würde war uns immer klar. Kaum ein deutscher Nationalspieler hat in den letzten Jahren so beständig auf Weltniveau gespielt und kaum ein anderer ist in der Lage ein Spiel auch mal im Präteritum und mit mehr als den üblichen Fußballerphrasen zu beschreiben.
Poldi – der Bauer aus Köln. Wie Netzer völlig treffend analysiert ein Instinktfußballer. Der liebe Gott hatte kein Hirn mehr übrig, also gab er ihm Eier und die Gabe, ohne darüber nachzudenken geilen Fußball zu spielen. „Prinz Poldi“ von 2006 hat an seiner Technik gearbeitet und wie Schweini ordentlich an Masse zugelegt. Der Gewaltschuss zum 1:0 zeigte es.
Und dann noch der gute Miro. Was haben sie ihn nicht alle totgeschrieben. Und dann verkackt er auch noch seine ersten beiden Großchancen. Egal. Er machte mit dem 2:0 den Sack zu und erzielte sein 11. WM-Tor. Jeder, der sich schändlich und respektlos über Klose geäußert hat sollte sich das mal auf der Zunge zergehen lassen – nur Gerd Müller war für Deutschland bisher erfolgreicher. Miro machte und macht die wichtigen Dinger und das 2:0 wird nicht sein letztes Tor gewesen sein.
Trotzdem, und damit kommen wir zu den aufgehenden Sternen dieses Turniers, schlimm wäre es nicht, wenn er nicht weiter träfe: Für Klose kam Mitte der zweiten Halbzeit der Stuttgarter Pedro de la Fuerte Tango Amigo La Cuca Racha de la Noche Gonzales – kurz Cacau. Zweiter Ballkontakt Tor. Mehr muss man dazu nicht sagen.
Auch der Badstuber Holger machte seine Sache stabil. Vielen Dank, Louis van Gaal, dass du uns in deinem einen Jahr bei Bayern so geile Spieler aufgebaut hast!
Und dann diese beiden Teufelskerle. Müller und Özil. Müller, seit einem Jahr spielend und doch schon mehr Einsätze als so manch anderer WM-Teilnehmer, benahm sich, als täte er seit Jahren nichts anderes, als WM-Endrunden zu spielen. Ruhig und besonnen suchte er seine Mitspieler und fand sie. Er legte das 1:0 für Poldi auf und machte das 3:0 wie gesagt selbst.
Und Mesut Özil ist wieder mal so ein Spieler, bei dem man sich ärgern muss, dass er normaler Weise hässliches Grün trägt. Er war an so gut wie allen gefährlichen Szenen der deutschen beteiligt und wird schon nach seinem ersten Auftritt bei einer WM mit Lionel Messi verglichen. Die internationale Presse feiert ihn als einen kommenden Weltstar, er werde schon bald zu den fünf besten Spielern überhaupt zählen, schreibt die Gazetta dello Sport.
Überhaupt sparten die Blätter aus dem Ausland nicht mit Lob: Den Stereotyp des Fußballs mit viel Muskeln und wenig Fantasie haben die deutschen überwunden, sie kamen leise und machten Lärm, vor diesen Deutschen muss man Angst haben, schrieben sie. Die Bierfreunde sind weit davon entfernt, sich zu freuen, wenn das Ausland wieder Angst vor Deutschland hat… Aber dieser Auftritt – auch wenn es nur ein Sieg gegen Australien war, war brilliant.
Sönke Wortmann hätte die Dramaturgie des Spieles und vor allem die Rollenbesetzung nicht besser schreiben können: Die jungen Wilden legten den angeblich gebrochenen Stars von gestern auf und umgekehrt. Schauen wir uns die Entstehung der Tore mal genauer an:
1:0: Schweinsteiger flankt den Ball aus der Schaltzentrale diagonal über das Feld direkt auf Özil. Der tänzelt ein wenig, guckt und steckt den Ball durch drei australische Verteidiger durch zu Müller. Der legt den Ball punktgenau und zwischen vier Aussis durch zu Poldi, der ihn bedingungslos reindonnert.
2:0: Der Kapitän steht irgendwo an der Auslinie und flankt den Ball genau an den Fünfmeterraum, wo ein Kopfballungeheuer namens Miroslav Klose bereit steht und zum 2:0 einnetzt.
3:0: Poldi nimmt sich nach Doppelpass mit Schweini ein Herz und rennt bis an die Strafraumgrenze. Dort steckt er durch auf Müller, der in Ball in aller Seelenruhe annimmt, einen australischen Verteidiger vorbeigrätschen lässt, kurz nachdenkt und sich dann dazu entschließt, den Ball aus der Drehung ins lange Eck zu schieben. „jo“ denkt er und reckt einmal kurz die Faust in den Himmel, als wär es das Normalste der Welt für einen 20-jährigen, im ersten WM-Spiel ein Tor zu erzielen.
Und beim 4:0 kommt der Holger Badstuber mal, wie vom Trainer gefordert, mit nach vorne, tut das beste, was man machen kann, nämlich Özil den Ball geben. Der rennt nach vorn, legt ab in die Mitte und da steht ein Cacau mit Sahne, der seinen zweiten Ballkontakt im neunten Länderspiel zum vierten Tor macht.
Kein Eigentor, kein Torwartfehler, keine Standartsituation: Das waren vier astrein herausgezauberte Tore. Geil war das. Und zwar so geil, wie bisher noch kein anderes Team auch nur annähernd gespielt hat.
Wir haben nicht den einen Star, wir haben einige. Kaum können wir es erwarten, bis es in der Endrunde gegen die Titelrivalen um die Wurst geht, denn dann wird sich zeigen, wie viel diese „beste Nationalmannschaft, in der ich je gespielt hab“ (Philip Lahm) erreichen kann.