Oder: Die Internationale erkämpft die Meisterschaft!
Lahm, Badstuber, Schweinsteiger, Müller. Das sind deutsche Nationalspieler. Und Tugenden deutscher Nationalspieler sind Kampf, Disziplin, Muskeln und Haudrauf-Fußball.
Doch das sind bei diesem Turnier nicht die bestimmenden Eigenschaften der DFB-Auswahl. Technik, Spielfreude und schnelle Kombinationen waren es, die uns und die ganze Welt im Australien-Spiel so beeindruckt haben. Und eben auch nicht nur Müller, Lahm und Co. haben begeistert, sondern auch und vor allem Podolski, Özil und Cacau. Zeit mit dem Stereotyp des alten deutschen Fußballs aufzuräumen!
Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus Müllers und Friedrichs, sondern auch aus Einwandererfamilien, internationalen Ehen und Kriegsflüchtlingen. Wie wunderbar, dass sich das auch endlich in der Nationalmannschaft zeigt – und so blendend funktioniert. Nichts könnte der deutschen Öffentlichkeit den Segen einer durchgemischten Bevölkerung besser beweisen, als eine in ihrer Herkunft so verschiedenen und doch so prächtig harmonierenden DFB-Elf.
Dennis Aogo, Jerome Boateng, Cacau, Mario Gomez, Sami Khedira, Miroslav Klose, Marko Marin, Mesut Özil, Lukas Podolski, Serdar Tasci und Piotr Trochowski. Elf Spieler, also fast die Hälfte des deutschen WM-Kaders haben ausländische Eltern und/oder wurden im Ausland geboren. Die multikulturelle Gesellschaft hat sich ausgerechnet im heiligsten des deutschen Volkes verwirklicht – und zeigt die integrative Kraft des Fußballs.
In einem – zugegebener Maßen sehr pathetischen – Werbespot wirbt der DFB für diese Kraft. Das Motto “Fußball: Viele Kulturen – eine Leidenschaft” trifft das Ganze, bei allem Genöle, das sich der DFB auch in Sachen Integration teilweise zurecht anhören muss, perfekt auf den Kopf. Und der Slogan “DFB – mas integracion” ist die richtige Botschaft: Was Politiker und Journalisten nicht hinbekommen, muss auf dem Platz geschaffen werden.
Aogo, Khedira und Özil sind keine urdeutschen Namen. Und trotzdem sind sie typisch deutsch, denn Deutschland ist ein Zuwandererland. In der politischen Debatte geht es beim Thema Ausländer vorwiegend um die Bildung von Subkulturen, von Ghettos, von hoher Kriminalität und schlechte Bildung. Die Truppe, die uns derzeit in Südafrika vertritt hat endlich die Chance, der Welt und vor allem Deutschland den wahren Gehalt einer multikulturellen Gesellschaft zu zeigen: Freude, Vielfalt und Produktivität.
Mit den jungen Wilden, die Australien versenkten und nachher auf die serbische Auswahl losgelassen werden, steht endlich eine würdige, eine echte deutsche Auswahl auf dem Platz. Denn wer in seiner Jugend selbst viele Stunden auf heruntergekommenen Bolzplätzen verbracht hat weiß, wie viel Potenzial in den Jungs „mit Migrationshintergrund“ steckt.
Das zeigte sich schon bei der hochgelobten U-21-Europameistermannschaft, die jetzt zu großen Teilen in die A-Nationalmannschaft aufgestiegen ist. Für diese Generation von Spielern ist das völlig normal: Jerome Boateng, Sami Khedira und Dennis Aogo zum Beispiel spielen seitdem sie 15 sind gemeinsam in deutschen Jugendauswahlen.
Die Jungs, die in Südafrika Alarm machen, entstammen der gleichen Generation wie die Bierfreunde. Einer Generation, die mit dutzenden verschiedenen Nationalitäten Fußball spielt, Filme von Fatih Akin guckt und Musik von Bushido hört. Wir sind die Generation, die in einer multikulturellen Gesellschaft aufgewachsen sind und sich mit ihr identifiziert, genauso wie sich Akin und Bushido, aber auch Özil und Marin mit Deutschland identifizieren. Es ist kein Zufall, dass sich diese Nationalmannschaft in der Kabine vor den WM-Spielen mit einem Bushido-Song auf Touren bringt, in dem sich dieser zu Deutschland und seiner Nationalmannschaft bekennt.
Da ist sie wieder, diese Fußballromantik, die einem überall auf der Welt begegnet: Zum Buffen braucht es keine teuren Schläger, keine aufwändigen Plätze oder Hallen, es braucht nur einen Ball, zwei Tore und Einige, die Bock auf Fußi haben. Auf dem Platz hat sich noch nie jemand dafür interessiert, ob der Vater Moslem, die Mutter Südamerikanerin oder der Onkel Pole ist.
Fußball kennt keine Herkunftsländer, Fußball kennt nur Mannschaften. Und wir haben eine ganz fantastische, bunte Mannschaft, die vielleicht die ambitionierteste seit den Europameistern von ‘96 ist. Es ist eine deutsche Mannschaft, zusammengestellt von deutschen Vereinen, groß geworden in deutschen Fußballschulen und fest verankert mit der deutschen Kultur. Ein Sieg bei der WM wäre ein Sieg für die Toleranz und Vielfalt der deutschen Gesellschaft. Also, liebe Nationalspieler, wir sind stolz auf euch! Und wünschen euch Powodzenia! – Boa sorte! – Viel Erfolg!